KIProf. Dr. SchanbacherKI für den Mittelstand
Technische KI-Expertise

Modul 5 von 8

Transformer & Sprachmodelle

Alles, was ein Sprachmodell tut, ist das nächste Token vorherzusagen. Dass daraus Aufsätze, Code und Übersetzungen entstehen, ist die eigentliche Überraschung der letzten Jahre.

Attention: Bedeutung entsteht aus dem Kontext

Das Wort „Bank“ hat für sich genommen keine feste Bedeutung. Erst der Zusammenhang legt fest, ob ein Geldhaus oder eine Sitzgelegenheit gemeint ist. Genau dieses Problem löst der Aufmerksamkeitsmechanismus, der dem Transformer seinen Namen gibt.

Beim Verarbeiten jedes Tokens fragt das Modell: Welche anderen Tokens in diesem Text sind für mich relevant? Es bildet dazu drei Vektoren pro Token – Query (wonach suche ich?), Key (was biete ich an?) und Value (was gebe ich weiter?). Die Ähnlichkeit zwischen der Query des einen und den Keys aller anderen ergibt die Gewichtung, die nach einer Softmax-Normierung bestimmt, wie stark deren Values einfließen.

Der entscheidende Vorteil gegenüber älteren Architekturen: Jedes Token erreicht jedes andere direkt, unabhängig von der Entfernung. Ein Bezug über 300 Wörter kostet nicht mehr Aufwand als einer über drei. Und weil alle Tokens gleichzeitig verarbeitet werden können, ließ sich das Training erstmals sinnvoll auf tausende Grafikkarten verteilen – das ist der eigentliche Grund für den Sprung ab 2018.

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Klicken Sie im ersten Beispiel auf „sie“ – das Modell muss entscheiden, ob Techniker oder Maschine gemeint ist.

Wie ein Modell aufgebaut ist

Ein Transformer stapelt denselben Block immer wieder: Attention, dann ein kleines vollverbundenes Netz je Position, dazu Normierungen und Abkürzungsverbindungen, die das Training tiefer Stapel stabil halten. Große Modelle bestehen aus 30 bis über 100 solcher Schichten, jede mit typischerweise 16 bis 128 parallelen Attention-Köpfen.

Verschiedene Köpfe spezialisieren sich messbar auf verschiedene Aufgaben: Manche verfolgen Satzstrukturen, andere lösen Pronomen auf, wieder andere achten auf Formatierung. Auch das hat niemand vorgegeben.

Der Rest ist Größe. Die Architektur eines heutigen Spitzenmodells unterscheidet sich in ihren Grundzügen kaum von der Veröffentlichung des Transformers 2017. Was sich geändert hat, sind Parameterzahl, Datenmenge, Trainingsaufwand und die Nachbearbeitung.

  • Vortraining: nächstes Token vorhersagen auf riesigen Textmengen – hier entsteht das Sprachwissen
  • Instruction Tuning: an Beispielen lernen, Anweisungen zu befolgen statt nur fortzusetzen
  • Verstärkendes Lernen aus Rückmeldungen: Antworten so ausrichten, dass sie hilfreich und sicher sind
  • Kontextfenster: wie viele Tokens gleichzeitig betrachtet werden können – heute typisch 128.000 bis 1 Mio.
Tokens + Positionsangabe ein Block – 30 bis 100 Mal gestapelt Multi-Head Attention 16–128 Köpfe parallel Normierung + Restverbindung Feed-Forward-Netz je Position, ca. 2/3 aller Parameter Normierung + Restverbindung Wahrscheinlichkeit je Token Softmax über ~130.000 Einträge Restverbindung: Eingang wird addiert Kontext einsammeln Wissen abrufen
Attention sammelt Kontext ein, das Feed-Forward-Netz verarbeitet ihn – und die Restverbindungen sorgen dafür, dass sich auch 100 Schichten noch trainieren lassen.
GrößeParameterKontextfensterLäuft aufTypischer Einsatz
Klein1 – 8 Mrd.8k – 128kNotebook, eigener ServerKlassifikation, Extraktion, Routing
Mittel30 – 100 Mrd.128k – 200kServer mit GPUs, CloudDer Arbeitsstandard für die meisten Aufgaben
Groß> 200 Mrd.200k – 1 Mio.Nur RechenzentrumKomplexe Analyse, schwierige Einzelfälle
Größenordnungen, keine Produktdaten – die konkreten Zahlen ändern sich mit jeder Modellgeneration. Stabil bleibt das Verhältnis: etwa Faktor 20 im Preis zwischen klein und groß.

Texterzeugung: würfeln, anhängen, wiederholen

Nach dem Durchlauf durch alle Schichten steht für jedes Token des Vokabulars ein Wert. Softmax macht daraus eine Wahrscheinlichkeitsverteilung, aus der ein Token gezogen wird. Dieses wird angehängt, und der gesamte Text läuft erneut durchs Modell – für jedes einzelne Wort.

Die Temperature steuert dabei, wie stark die Verteilung zugespitzt wird. Nahe null gewinnt fast immer der wahrscheinlichste Kandidat, das Ergebnis ist verlässlich und wiederholbar. Höhere Werte flachen die Verteilung ab und lassen unwahrscheinlichere Fortsetzungen zu – mehr Variation, mehr Risiko.

AufgabeTemperatureWarum
Daten aus Dokumenten extrahieren0 – 0,2Es gibt genau eine richtige Antwort; Variation ist reiner Schaden
Klassifikation, Routing0 – 0,2Reproduzierbarkeit ist wichtiger als Formulierung
Sachliche Zusammenfassung0,2 – 0,5Etwas Sprachfluss, ohne den Inhalt zu verlassen
Kundenantwort formulieren0,5 – 0,8Natürlicher Ton, weiterhin verlässlich
Ideen, Varianten, Werbetexte0,8 – 1,2Vielfalt ist erwünscht, Prüfung erfolgt ohnehin
Ein verbreitetes Missverständnis: Temperature 0 macht Antworten nicht wahrer, nur wiederholbarer. Ein Modell ohne Faktenwissen halluziniert dann eben immer dieselbe falsche Antwort.
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Erzeugen Sie Text Token für Token. Achten Sie besonders auf das Beispiel mit der Umsatzzahl.

Warum Halluzinationen zum System gehören

In der Demo mit der Umsatzzahl liegt die Ursache offen: Zwischen „12“, „15“ und „10“ entscheidet nichts als der Zufall, weil das Modell die echte Zahl nie gesehen hat. Es hat trotzdem eine Verteilung, denn eine leere Ausgabe ist nicht vorgesehen. Was herauskommt, klingt genauso flüssig wie eine korrekte Antwort – die Formulierungssicherheit ist unabhängig vom Wahrheitsgehalt.

Ein Sprachmodell hat kein Modell davon, was es weiß und was nicht. Es gibt keinen internen Marker „hier bin ich unsicher“, der zuverlässig auslesbar wäre. Deshalb sind die Gegenmaßnahmen ausnahmslos architektonisch: relevante Fakten mitliefern (RAG), Quellen ausgeben lassen und prüfen, Ergebnisse gegen ein System validieren, das die Wahrheit kennt.

Umgekehrt ist derselbe Mechanismus die Stärke: Weil das Modell Wahrscheinlichkeiten über Sprache abbildet und nicht Fakten nachschlägt, kann es formulieren, umschreiben, strukturieren und übersetzen – Aufgaben, bei denen es keine einzige richtige Antwort gibt.

Beispiel: die erfundene Rechtsprechung

Ein Anwalt lässt sich Präzedenzfälle für einen Schriftsatz zusammenstellen. Das Modell liefert fünf Urteile mit Aktenzeichen, Datum und Zitat – vier davon existieren nicht. Sie sehen exakt aus wie echte Aktenzeichen, weil das Modell gelernt hat, wie solche Zeichenfolgen aufgebaut sind. Fälle wie dieser haben mehrfach zu Ordnungsgeldern geführt. Die Lehre ist nicht „KI ist unbrauchbar für Juristen“, sondern: Bei überprüfbaren Fakten muss das System aus einer Datenbank zitieren, nicht aus dem Gedächtnis des Modells.

Das Wichtigste in Kürze

  • Attention gewichtet, welche anderen Tokens für die Verarbeitung eines Tokens relevant sind.
  • Jedes Token erreicht jedes andere direkt – Entfernung im Text kostet nichts.
  • Ein Transformer stapelt denselben Block dutzendfach; die Architektur ist seit 2017 im Kern unverändert.
  • Texterzeugung ist ein Zyklus aus Verteilung berechnen, Token ziehen, anhängen.
  • Temperature steuert, wie stark die Verteilung zugespitzt wird – niedrig für Fakten, höher für Kreatives.
  • Halluzination ist kein Fehler, sondern die Folge des Mechanismus – abzusichern nur durch Architektur.

?Wissens-Check

Beantworten Sie die Fragen, um Ihr Verständnis zu prüfen. Sie erhalten sofort eine Rückmeldung.

Frage 1.Was leistet der Attention-Mechanismus?

Frage 2.Was bewirkt eine niedrige Temperature?

Frage 3.Warum erfinden Sprachmodelle plausibel klingende Fakten?

Frage 4.Welche Gegenmaßnahme gegen falsche Fakten wirkt strukturell?

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