KIProf. Dr. SchanbacherKI für den Mittelstand
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Modul 3 von 8

Training & Backpropagation

Ein frisch initialisiertes Netz rät. Nach einigen Durchläufen erkennt es Ziffern mit 97 % Trefferquote. Dieses Modul zeigt, was in der Zwischenzeit passiert – und warum niemand weiß, was in den Gewichten am Ende genau steht.

Lernen heißt: Fehler messen und Gewichte anpassen

Am Anfang stehen zufällige Gewichte. Das Netz bekommt ein Trainingsbeispiel, rechnet es durch und liefert eine Ausgabe, die mit dem richtigen Ergebnis fast nichts zu tun hat. Der Unterschied zwischen Ausgabe und Wunschergebnis wird als eine einzige Zahl ausgedrückt: der Fehler oder Loss.

Jetzt kommt die entscheidende Frage: Welches der 25.760 Gewichte muss in welche Richtung und wie stark verändert werden, damit dieser Fehler kleiner wird? Die Antwort liefert die Ableitung. Für jedes einzelne Gewicht lässt sich berechnen, wie empfindlich der Fehler auf eine kleine Änderung dieses Gewichts reagiert. Diese Empfindlichkeiten zusammen heißen Gradient.

Dann wird jedes Gewicht ein kleines Stück entgegen seines Gradienten verschoben – entgegen, weil man ja bergab will. Wie groß dieses Stück ist, bestimmt die Lernrate. Danach kommt das nächste Beispiel, und das Ganze wiederholt sich einige Millionen Mal.

Beispiel: eine Anpassung von Hand

Ein Ausgabeneuron soll 1,0 liefern, gibt aber 0,7 aus. Der Fehler ist −0,3. Eines seiner Eingangsgewichte ist 0,5, und das zugehörige Neuron war mit 0,8 aktiv. Der Beitrag dieses Gewichts zum Fehler ist −0,3 · 0,8 = −0,24. Bei einer Lernrate von 0,1 wird das Gewicht um 0,1 · 0,24 = 0,024 erhöht, also auf 0,524. Beim nächsten Mal liegt die Ausgabe etwas näher an 1,0. Wichtig ist die Logik dahinter: Gewichte, deren Eingangsneuron stark aktiv war, tragen mehr Schuld am Fehler – und werden entsprechend stärker korrigiert.

Die Lernrate entscheidet über Erfolg oder Absturz

Stellen Sie sich den Fehler als Landschaft vor: Für jede mögliche Gewichtskombination gibt es eine Höhe, und gesucht ist das tiefste Tal. Der Gradient sagt, wo es bergab geht. Die Lernrate sagt, wie weit man in diese Richtung springt.

Zu klein: Der Abstieg dauert ewig. Zu groß: Man springt über das Tal hinweg und landet höher als vorher – das Training explodiert. In der folgenden Demo können Sie beides erzeugen.

Interaktive Demo wird geladen …
Regeln Sie die Lernrate hoch, bis das Verfahren divergiert. Und starten Sie einmal rechts, um zu sehen, wie ein flaches lokales Minimum die Kugel festhält.

Backpropagation: Schuld rückwärts verteilen

Bei einem einschichtigen Netz ist die Zuordnung von Fehler zu Gewicht einfach. Aber wie ist ein Gewicht in der ersten Schicht am Fehler der Ausgabe schuld, wenn dazwischen zwei weitere Schichten liegen?

Die Antwort ist die Kettenregel aus der Analysis, hier Backpropagation genannt. Der Fehler wird von hinten nach vorn durch das Netz zurückgereicht: Jedes Neuron erfährt, wie viel es zum Fehler der nachfolgenden Schicht beigetragen hat, und gibt seinen Anteil an die Neuronen davor weiter – gewichtet mit genau den Gewichten, über die es verbunden ist.

Der Trick dabei ist Effizienz: Ein einziger Rückwärtsdurchlauf liefert die Ableitungen für alle Parameter gleichzeitig. Ohne dieses Verfahren, das seit den 1980ern bekannt ist, wären große Netze schlicht nicht berechenbar.

  • Vorwärtsdurchlauf: Eingabe durchs Netz schicken, Ausgabe und Fehler berechnen
  • Rückwärtsdurchlauf: Fehleranteil je Neuron von hinten nach vorn verteilen
  • Update: alle Gewichte ein Stück entgegen ihres Gradienten verschieben
  • Batch: nicht nach jedem Beispiel, sondern nach z. B. 64 Beispielen aktualisieren – stabiler und schneller
  • Epoche: ein vollständiger Durchlauf durch alle Trainingsdaten
StellschraubeTypischer WertZu kleinZu groß
Lernrate0,001 – 0,1Training dauert ewig, bleibt in flachen Stellen hängenSpringt über Minima, divergiert („Loss = NaN“)
Batchgröße32 – 256Sehr verrauschte Updates, langsam auf GPUsGlatt, aber Speicherhunger und oft schlechtere Verallgemeinerung
Epochen10 – 100Modell hat nicht ausgelernt (Unteranpassung)Auswendiglernen der Trainingsdaten (Überanpassung)
NetzgrößeaufgabenabhängigKapazität reicht nicht für das MusterGenug Kapazität, um Rauschen mitzulernen
Diese vier Werte erklären den Großteil aller Trainingsprobleme. Das Ziffernetz dieses Kurses wurde mit Lernrate 0,001, Batchgröße 64 und 30 Epochen trainiert.

Training live beobachten

Die folgende Demo trainiert ein echtes Netz mit 105 Parametern in Ihrem Browser – Vorwärtsdurchlauf, Backpropagation und Gewichtsupdate laufen tatsächlich ab. Die eingefärbte Fläche ist die Entscheidungsgrenze des Netzes: Sie sehen zu, wie das Modell die Struktur der Daten Stück für Stück nachbildet.

Drei Experimente lohnen sich. Wählen Sie die Spirale – hier reicht die Kapazität kaum, das Netz bleibt bei den engen Windungen hängen. Drehen Sie die Lernrate hoch – das Bild zerfällt. Und drücken Sie mehrfach „Neu würfeln“, ohne sonst etwas zu ändern: Manchmal findet dasselbe Netz eine gute Lösung, manchmal bleibt es in einer schlechten stecken. Nur die Startwerte waren anders.

Interaktive Demo wird geladen …
Echtes Training im Browser: 2 Eingänge, zwei verdeckte Schichten à 8 Neuronen, 105 Parameter.

Overfitting: auswendig gelernt statt verstanden

Ein Netz mit genügend Parametern kann Trainingsdaten perfekt reproduzieren – auch deren Zufälligkeiten und Fehler. Auf den Trainingsdaten sieht das großartig aus, auf neuen Daten versagt es. Das ist Overfitting, und es ist der häufigste Grund, warum ein Modell in der Demo überzeugt und im Betrieb enttäuscht.

Deshalb wird der Datenbestand immer geteilt: Trainingsdaten zum Lernen, Validierungsdaten zum Einstellen der Rahmenbedingungen, Testdaten für die ehrliche Schlussmessung – letztere werden erst ganz am Ende ein einziges Mal angefasst. Steigt der Trainingsfehler weiter, während der Validierungsfehler wieder wächst, ist der Punkt zum Aufhören erreicht.

Trainingsfehler Validierungsfehler hier aufhören unteranpasst gut überanpasst Trainingsdauer → Fehler →
Der Trainingsfehler sinkt immer weiter – das sagt nichts. Erst der Validierungsfehler zeigt, wann das Modell anfängt, auswendig zu lernen statt zu verallgemeinern.
AufteilungAnteil (typisch)WofürWie oft angefasst
Training70–80 %Gewichte anpassenMillionenfach
Validierung10–15 %Hyperparameter wählen, Abbruchzeitpunkt bestimmenNach jeder Epoche
Test10–15 %Ehrliche SchlussmessungGenau einmal, ganz am Ende
Wer den Testsatz mehrfach zur Optimierung nutzt, überanpasst auf ihn – und die Endzahl wird wertlos. Diese Disziplin ist der häufigste stille Fehler in Projekten.

Beispiel: der Panzer-Klassifikator

Eine oft erzählte Anekdote aus der Frühzeit der Bilderkennung: Ein Modell sollte Panzer auf Fotos erkennen und erreichte im Test nahezu perfekte Werte. Im Einsatz versagte es. Der Grund: Die Panzerbilder waren an bewölkten Tagen aufgenommen worden, die Bilder ohne Panzer bei Sonne. Das Modell hatte gelernt, den Himmel zu bewerten. Ob die Geschichte in allen Details stimmt, ist umstritten – das Muster dahinter ist real und begegnet einem in jedem zweiten Projekt: Modelle greifen nach der einfachsten Regelmäßigkeit, die im Datensatz funktioniert, nicht nach der gemeinten.

Warum niemand genau sagen kann, was im Modell steht

Nach dem Training liegen Millionen oder Milliarden Zahlen vor. Sie funktionieren, aber sie sind nicht lesbar wie Programmcode. Man kann einzelne Neuronen untersuchen – wie in der Ziffern-Demo, wo sich Gewichtsbilder betrachten lassen – und ganze Forschungszweige beschäftigen sich damit, größere Modelle zu interpretieren. Eine vollständige Erklärung, warum ein bestimmtes Modell in einem bestimmten Fall so entschieden hat, gibt es aber nicht.

Das hat unmittelbare Konsequenzen für die Praxis: Man kann ein Modell nicht debuggen wie ein Programm. Man kann es nur messen, eingrenzen und überwachen. Wo Nachvollziehbarkeit rechtlich gefordert ist – etwa bei Hochrisiko-Anwendungen nach EU AI Act – ist das ein Grund, bewusst einfachere und prüfbare Verfahren zu wählen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Training misst den Fehler und verschiebt alle Gewichte ein Stück entgegen ihres Gradienten.
  • Backpropagation verteilt den Fehleranteil rückwärts durchs Netz – ein Durchlauf liefert alle Ableitungen.
  • Die Lernrate entscheidet zwischen quälend langsam, brauchbar und Divergenz.
  • Zufällige Startwerte führen zu unterschiedlichen Ergebnissen – Training ist ein Suchprozess.
  • Overfitting bedeutet: auf Trainingsdaten stark, auf neuen Daten schwach. Getrennte Testdaten sind Pflicht.
  • Ein trainiertes Modell lässt sich nicht wie Programmcode lesen, nur messen und überwachen.

?Wissens-Check

Beantworten Sie die Fragen, um Ihr Verständnis zu prüfen. Sie erhalten sofort eine Rückmeldung.

Frage 1.Was beschreibt der Gradient im Training?

Frage 2.Was passiert bei einer zu großen Lernrate?

Frage 3.Woran erkennt man Overfitting?

Frage 4.Zwei Trainingsläufe mit identischen Daten und Einstellungen liefern unterschiedlich gute Modelle. Warum?

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